A true story

by Nik

Ich habe meine Lieblingsarmbanduhr mit 8 Jahren nach dem Schwimmunterricht in der Jungenumkleide verloren. Sie war froschgrün, hatte ein Stoffarmband mit Klettverschluss und ein zerkratztes Uhrenglas mit schwarzen Zeigern, roten Ziffern. Wenn ich früher ohne sie aus unserer Wohnung ging, zur Schule, zum Kiosk unter unserem Haus oder zum Supermarkt um die Ecke, fühlte ich mich oft nicht vollständig. Dann war da immer der helle Fleck an meinem linken Handgelenk, da war dann immer zu wenig Druck drauf; da fehlte immer was. Es war wie ein kleines Loch in der Brust.

Ich weiß nicht mehr exakt von wem ich meine Uhr geschenkt bekam. Ob von meinem Opa zu Weihnachten, meiner Mutter zum Geburtstag oder meinem Onkel zu Ostern. Ich weiß nur noch, dass meine Uhr mit irgendwas bedruckt war. Mit kleinen Autos, Dinosauriern oder Zifferblättern. Doch präzise kann ich das heute nicht mehr sagen. Alles woran ich mich, und das auch nur verschwommen, erinnere sind orange, schwarze, rote und gelbe Aufdrucke auf grünem Stoff. Und das Geräusch des Klettverschlusses, wenn man ihn auf machte. Wenn ich die Augen schließe sehe ich die Uhr so vor mir im Schwimmbad auf den kalten weißen Fliesen liegen, mitten im Gang, während ich daneben stehe und meine Badehose und das nasse Handtuch in meinen Rucksack stopfe. Dann gehe ich. Um den Bus zu kriegen. Und meine Haare sind noch nass. Und überall sind Kinderstimmen. Und es riecht sanft nach Chlor. Ganz leicht, wie nach Vanillepudding.

Erst zwei Tage später ist mir klar geworden, dass ich sie dort vergessen haben muss. Aber ich bin danach nie ins Schwimmbad gegangen um nach meiner Uhr zu suchen oder den Hausmeister nach ihr zu fragen. Ich habe auch nie wieder eine Uhr an mein Ohr gehalten um ihren Ticken zu lauschen und der Zeit beim Verstreichen zuzuhören. Und ich habe auch nie jemanden davon erzählt, was damals passiert ist.

Ich weiß noch wie mich damals im Sommer vor der ganzen Geschichte, wenn es im Juli tagsüber so warm war, dass man den ganzen Tag nur draußen verbrachte, Eistee trank und sein T-Shirt nass schwitze, ständig genervt hat, wenn mich das Armband beim Rennen an der Haut kratze. Doch auf eine gewisse Art und Weise gefiel mir das auch. Ich mochte es. Es war ein angenehm raues Gefühl; und es war irgendwie… echt. Und wenn ich es fühlte, wusste ich immer, meine Uhr, die ist noch da.

Allein wenn ich heute in den Nachthimmel schaue, und zurückblicke und mich erinnere an jenen Septembernachmittag vor 10 Jahren, an dem schon Herbstlaub die Straße flutete und die Leute mit Schal und Mütze zur Arbeit eilten, hektische Blicke im Gesicht und Aktentaschen unter dem Arm, war der Tag an dem ich meine Lieblingsarmbanduhr verlor, auch der Tag an dem mir insgeheim mein Gefühl für Zeit verloren ging. Ich ließ es einfach da liegen. Verschusselt. Verbummelt. Aus dem Gedächtnis gestrichen. Wie aus Versehen, wie zufällig, wie insgeheim beabsichtigt. Genau da, froschgrün, im Schwimmbad, auf den kalten weißen Fliesen der Jungenumkleide, einen Hauch von Chlor noch in der Luft, ließ ich es liegen. Und vergaß es.

Schwimmen konnte ich damals schon, die Bewegung der Arme und Beine im richtigen Rhythmus, die korrekte Atemtechnik, Brustschwimmen, Rückenschwimmen, Tauchen – das alles habe ich später nicht mehr gelernt. Das konnte ich schon, ich wusste wie das funktioniert. Ich besaß schon mein Seepferdchen.

Aber eine Armbanduhr habe ich nie wieder getragen.