Das Leben eines Freaks

Monat: September, 2011

Extremely Loud and Incredibly Close

Soeben fand ich das hier. Und sah es mir gleich 5 Mal hintereinander an.

Ich glaube, ich habe hier noch nie erwähnt wie großartig ich Extrem laut und unglaublich nah finde. Auf meiner »top seven list of books to take with on a lonely island« steht es an zweiter Stelle. Es enthält eine der schönsten Geschichten und nebenbei auch einer der schönsten Kapitel, die ich je gelesen habe und ist auch sonst auf jede erdenkliche Art wunderbar – weil unglaublich traurig, unglaublich großartig, aber auch anders als alle sonstigen Bücher, die es so in mein Bücherregal geschafft haben. Weil es eben mehr ist als bloß eine einfache Geschichte und man beinahe jeden zweiten Absatz mit Textmarker markieren möchte, weil er so grandios ist und am Schluss am allerliebsten sogar das ganze Buch.

Und so ganz nebenbei ist Oskar Schell mein geheimer Hero.

Literaturverfilmungen wie Alles, was wir geben mussten oder Die Einsamkeit der Primzahlen haben mich zuletzt überzeugt, dass cinematographische Umsetzungen fabelhafter Romane zur Zeit ausgezeichnet funktionieren können und daher mache ich mir auch in diesem Fall keine all zu großen Sorgen.

Aber was ich eigentlich sagen will ist: Der Film wird mit Sicherheit nicht so wunder-, wunderschön wie das Buch, niemals, und, dass kann er auch nicht und ich denke, dass will er auch nicht und eigentlich ist es sogar egal ob er das überhaupt nur irgendwie wird oder werden kann – denn eins ist klar; er scheint immerhin super zu sein.

Und wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt, tut das. Schnell. Sehr, sehr schnell. Denn es lohnt sich mehr als alles andere.

“I have so much to say to you. I want to begin at the beginning, because that is what you deserve. I want to tell you everything, without leaving out a single detail. But where is the beginning? And what is everything?” 

Jonathan Safran Foer, Extremely Loud and Incredibly Close

Die Suche nach den richtigen Worten

“Some things are hard to write about. After something happens to you, you go to write it down, and either you over dramatize it, or underplay it, exaggerate the wrong parts or ignore the important ones. At any rate, you never write it quite the way you want to.”

Sylvia Plath

A true story

Ich habe meine Lieblingsarmbanduhr mit 8 Jahren nach dem Schwimmunterricht in der Jungenumkleide verloren. Sie war froschgrün, hatte ein Stoffarmband mit Klettverschluss und ein zerkratztes Uhrenglas mit schwarzen Zeigern, roten Ziffern. Wenn ich früher ohne sie aus unserer Wohnung ging, zur Schule, zum Kiosk unter unserem Haus oder zum Supermarkt um die Ecke, fühlte ich mich oft nicht vollständig. Dann war da immer der helle Fleck an meinem linken Handgelenk, da war dann immer zu wenig Druck drauf; da fehlte immer was. Es war wie ein kleines Loch in der Brust.

Ich weiß nicht mehr exakt von wem ich meine Uhr geschenkt bekam. Ob von meinem Opa zu Weihnachten, meiner Mutter zum Geburtstag oder meinem Onkel zu Ostern. Ich weiß nur noch, dass meine Uhr mit irgendwas bedruckt war. Mit kleinen Autos, Dinosauriern oder Zifferblättern. Doch präzise kann ich das heute nicht mehr sagen. Alles woran ich mich, und das auch nur verschwommen, erinnere sind orange, schwarze, rote und gelbe Aufdrucke auf grünem Stoff. Und das Geräusch des Klettverschlusses, wenn man ihn auf machte. Wenn ich die Augen schließe sehe ich die Uhr so vor mir im Schwimmbad auf den kalten weißen Fliesen liegen, mitten im Gang, während ich daneben stehe und meine Badehose und das nasse Handtuch in meinen Rucksack stopfe. Dann gehe ich. Um den Bus zu kriegen. Und meine Haare sind noch nass. Und überall sind Kinderstimmen. Und es riecht sanft nach Chlor. Ganz leicht, wie nach Vanillepudding.

Erst zwei Tage später ist mir klar geworden, dass ich sie dort vergessen haben muss. Aber ich bin danach nie ins Schwimmbad gegangen um nach meiner Uhr zu suchen oder den Hausmeister nach ihr zu fragen. Ich habe auch nie wieder eine Uhr an mein Ohr gehalten um ihren Ticken zu lauschen und der Zeit beim Verstreichen zuzuhören. Und ich habe auch nie jemanden davon erzählt, was damals passiert ist.

Ich weiß noch wie mich damals im Sommer vor der ganzen Geschichte, wenn es im Juli tagsüber so warm war, dass man den ganzen Tag nur draußen verbrachte, Eistee trank und sein T-Shirt nass schwitze, ständig genervt hat, wenn mich das Armband beim Rennen an der Haut kratze. Doch auf eine gewisse Art und Weise gefiel mir das auch. Ich mochte es. Es war ein angenehm raues Gefühl; und es war irgendwie… echt. Und wenn ich es fühlte, wusste ich immer, meine Uhr, die ist noch da.

Allein wenn ich heute in den Nachthimmel schaue, und zurückblicke und mich erinnere an jenen Septembernachmittag vor 10 Jahren, an dem schon Herbstlaub die Straße flutete und die Leute mit Schal und Mütze zur Arbeit eilten, hektische Blicke im Gesicht und Aktentaschen unter dem Arm, war der Tag an dem ich meine Lieblingsarmbanduhr verlor, auch der Tag an dem mir insgeheim mein Gefühl für Zeit verloren ging. Ich ließ es einfach da liegen. Verschusselt. Verbummelt. Aus dem Gedächtnis gestrichen. Wie aus Versehen, wie zufällig, wie insgeheim beabsichtigt. Genau da, froschgrün, im Schwimmbad, auf den kalten weißen Fliesen der Jungenumkleide, einen Hauch von Chlor noch in der Luft, ließ ich es liegen. Und vergaß es.

Schwimmen konnte ich damals schon, die Bewegung der Arme und Beine im richtigen Rhythmus, die korrekte Atemtechnik, Brustschwimmen, Rückenschwimmen, Tauchen – das alles habe ich später nicht mehr gelernt. Das konnte ich schon, ich wusste wie das funktioniert. Ich besaß schon mein Seepferdchen.

Aber eine Armbanduhr habe ich nie wieder getragen.

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