Das Leben eines Freaks

Au revoir

“Pack deine Sachen und nimm alles mit, was dir wichtig ist, und was dir gefällt. Deine Fotos, alte Platten, die Narben, die Hoffnung, dein liebstes T-Shirt und das letzte Geld.” — Thees Uhlmann, Die Toten auf dem Rücksitz

Ich bin umgezogen und es fühlt sich gut an.

Au revoir.

Bekenntnisse

“Wer ziemlich sicher weiß, dass ein Abenteuer passieren wird, sollte sich den Honig von der Nase streichen und sich so gut wie möglich herausputzen, damit er so aussieht, als wäre er zu allem bereit.” — Pu der Bär

Seit November habe ich hier kein Wort mehr verloren und mein letzter Blogeintrag ist mittlerweile schon beinahe ein halbes Jahr her. Wieso das so ist oder woran es gelegen hat, weiß man nicht. Vielleicht am Studium, vielleicht am Leben, vielleicht auch bloß am vielen Platz, der jetzt auch abseits des Weges zum Nachdenken da ist. Genau kann das keiner sagen. Was ich aber sagen kann, ist: Es war keine Lethargie und keine Resignation und mir sind auch nicht die Worte abhanden gekommen. Vielmehr hat sich etwas ganz anderes eingestellt und hat zwischendurch weh, aber auch in großen Teilen sehr gut getan.

Doch inzwischen merke ich wieder: Ich will das Schreiben zurück! Ich brauche das Erzählen, das In-Buchstaben-Denken und das Sich-nicht-im-Klaren-darüber-sein-was-man-da-gerade-in-die-Tasten-haut und ich will es zurück. Vielleicht nur für kurz, vielleicht aber auch für länger. Gleichwohl bleibt abzuwarten, wie viel, wie oft und natürlich auch was überhaupt kommen wird. In jedem Fall geht’s für eine Weile weg von den 40 oder 52 Kilobyte großen Text-Dateien, die ich doch nur wieder und wieder für mich selbst lese, an ihnen rumbastele und sie jeden zweiten Tag umbenenne. Ein Wald an Sätzen – die zu großen Teilen nicht mehr als bloße Gedankenfetzen sind, nach langen Tagen um ein Uhr morgens aufgeschrieben und dann auch meistens nur für die Nacht, das Gefühl oder den Kratzer am linken Ellenbogen und als Antwort auf so triviale Fragen wie: Was war das jetzt? Wo bin ich? Oder gar: Ist das richtig so? Texte, die irgendwie helfen und gut tun und Spaß machen und mal gelungen, mal misslungen sind und meistens irgendwas dazwischen.

Um neu anzufangen wird es indes das Einfachste sein, die richtigen Bücher nebenher zu lesen, nach neuer Musik Ausschau zu halten, die wichtigsten Listen abzuarbeiten, mit allem anderen weiter zu machen und genau an diesem Punkt dann irgendwie wieder mit dem Schreiben anzufangen. Und dass dann allerdings sehr wahrscheinlich woanders und unter neuer URL und mit neuem Blogtitel und nicht mehr länger hier. Denn jede Geschichte hat einen Abschluss und Das Leben eines Freaks ist, zumindest für mich, mehr oder weniger zu Ende erzählt – auch wenn es sein kann (und das vielleicht sogar wahrscheinlich ist), dass eher viel zu wenig erzählt/gesagt/geschrieben wurde. Aber das kann man nicht mehr ändern.

Was sonst so passiert ist?

2012 ist voran geschritten, ich habe neue Haare, der Sommer steht mehr oder weniger vor der Tür und Of Monsters and Men singen in meinem Kopf “Because though the truth may vary / This ship will carry / Our bodies safe to shore” und das lautstark und in Endlosschleife und solange, bis ich ihnen erlaube damit aufzuhören und umfalle oder die Flucht antrete.

Elementar

Es ist dieses eine Gefühl, dieses eine wie so oft nicht in Worte zu fassende Gefühl – nach zu viel großartiger Musik, nach zu viel großartigen Texten, eben nach zu viel Großartigkeit, nach zu viel Alleinsein, nach zu viel imMomentfeststecken, zu viel Koffein und viel zu wenig Alkohol – von dem ich nicht weiß, woher es kommt und wenn, warum dann eigentlich immer einfach so; so teil ersehnt, teils trotzdem plötzlich.

Und wieso mein Kopf für so was überhaupt noch Platz hat.

Es ist diese Art von Gefühl, mit der ich am liebsten jeden meiner Gedanken beginnen, und jeden Satz beenden würde; es mit Fingerspitzen anfassen, mit leichtem, aber präzisen Griff packen und es in einem alten Marmeladenglas mit rotkariertem Deckel sanft auf den Boden legen, wo es sich ausbreiten, es sich gemütlich machen – und ich es für immer aufbewahren könnte. Vielleicht gar nicht so sehr um die Erinnerung nicht zu verlieren, vielleicht sogar aus keinem anderen nachvollziehbaren Grund, aber um es mir Wochen, Monate oder Jahre später ins Regal stellen und sagen zu können: “Schau her, siehst du das? Das bin ich.” Und, sagen wir, ab und an mit dem kleinen Finger in die warme Soße auf dem Boden einzutauchen und diesen dann abzulecken. Um herauszufinden, wie das schmecken, um herauszufinden, wie sich es anfühlen würde und ob der Herzschlag noch frisch wäre, ob der Nachgeschmack der selbe ist wie heute oder nicht. Und ob der Knoten im Nacken sich gelöst hat.

Um, nur für ungefähr, zu erfahren ob sich das Aufbewahren gelohnt hätte und ob konserviertes Gefühl überhaupt Gültigkeit besitzt. Nicht für die Forschung, nicht für die Nachwelt, aber für mich und vielleicht auch für dich. Für das danach, für den Rest.

* * *

Schutzlos, flog mir gerade als Gedanke durch den Kopf; ja, vielleicht ist das in etwa das Gefühl – aber sicher weiß ich es nicht. Alles was ich sagen kann ist, dass sich schutzlos merkwürdiger Weise genau richtig anfühlt.

“The weak become heroes and the stars aligned.”
― The Streets, Weak Become Heroes

Dinge, die nur gelegentlich passieren

candid, adj.    unumwunden, ehrlich, Adj.

»Meistens, wenn ich mit jemandem schlafe, würde ich lieber lesen.« Ich gebe zu, das war eine merkwürdige Äußerung, wenn man sich gerade zum zweiten Mal sah. Vermutlich wollte ich dich nur vorwarnen. »Meistens, wenn ich lese«, sagtest du, »würde ich lieber mit jemandem schlafen.«

― David Levithan, Das Wörterbuch der Liebenden

Es gibt gute Bücher und es gibt Bücher, die sind großartig.

Und manchmal, nur ab und zu, ohne es wirklich darauf anzulegen, ohne darauf gefasst zu sein – ja, allein an Tagen mit Spülmaschinenrauschen, ernüchternd grauen Wolken und plätschernden Gedanken – gibt es welche dazwischen, die du in staubigen kleinen Buchhandlungen für drei Euro kaufst; der junge Mann hinter dem Holztisch gibt dir das Wechselgeld aus einer kleinen Box, kramt in einem Briefumschlag nach Zehn-Euro-Scheinen, was für ein Schnäppchen, denkst du, was für ein Schnäppchen, und dann sind diese Bücher nichts von beidem, nicht gut, nicht großartig, sondern vollkommen anders und genau hier, genau jetzt, auf jede Art perfekt und fast schon ein kleines Stückchen mehr als das, aber du weißt es noch gar nicht, du vermutest es nur, du wirst erst im Bus anfangen, das Buch zu lesen, ja, im Bus, denkst du, die Scheiben beschlagen, Musik im Ohr, nächste Haltestelle unbekannt. Und so passiert es dann auch.

Manchmal erschrecke ich daran, für einen ganz kleinen Moment, dass es Dinge gibt, die man, nachdem man sie gefunden hat, nur Menschen schenken will, die einem wirklich wichtig sind – dass es Dinge gibt, die so wunderbar zu sein scheinen, dass man glaubt, man übertreibt. Aber dann weiß ich, dass liegt daran, dass sie es sind.

* * *

Am Schluss liest du solche Bücher ganz langsam, manche Seiten auch doppelt und dreifach, und blätterst lieber noch mal zurück und danach auch wieder vor und willst alles, nur nicht, dass sie zu Ende gehen; bleibst auf Seite 52 hängen und konservierst das Gefühl, das du hast, für den Abend und für den Morgen danach, für die nächsten paar Seiten. Es sind schließlich nur 212 – und das, das ist das einzig Doofe am Wörterbuch der Liebenden.

Extremely Loud and Incredibly Close

Soeben fand ich das hier. Und sah es mir gleich 5 Mal hintereinander an.

Ich glaube, ich habe hier noch nie erwähnt wie großartig ich Extrem laut und unglaublich nah finde. Auf meiner »top seven list of books to take with on a lonely island« steht es an zweiter Stelle. Es enthält eine der schönsten Geschichten und nebenbei auch einer der schönsten Kapitel, die ich je gelesen habe und ist auch sonst auf jede erdenkliche Art wunderbar – weil unglaublich traurig, unglaublich großartig, aber auch anders als alle sonstigen Bücher, die es so in mein Bücherregal geschafft haben. Weil es eben mehr ist als bloß eine einfache Geschichte und man beinahe jeden zweiten Absatz mit Textmarker markieren möchte, weil er so grandios ist und am Schluss am allerliebsten sogar das ganze Buch.

Und so ganz nebenbei ist Oskar Schell mein geheimer Hero.

Literaturverfilmungen wie Alles, was wir geben mussten oder Die Einsamkeit der Primzahlen haben mich zuletzt überzeugt, dass cinematographische Umsetzungen fabelhafter Romane zur Zeit ausgezeichnet funktionieren können und daher mache ich mir auch in diesem Fall keine all zu großen Sorgen.

Aber was ich eigentlich sagen will ist: Der Film wird mit Sicherheit nicht so wunder-, wunderschön wie das Buch, niemals, und, dass kann er auch nicht und ich denke, dass will er auch nicht und eigentlich ist es sogar egal ob er das überhaupt nur irgendwie wird oder werden kann – denn eins ist klar; er scheint immerhin super zu sein.

Und wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt, tut das. Schnell. Sehr, sehr schnell. Denn es lohnt sich mehr als alles andere.

“I have so much to say to you. I want to begin at the beginning, because that is what you deserve. I want to tell you everything, without leaving out a single detail. But where is the beginning? And what is everything?” 

Jonathan Safran Foer, Extremely Loud and Incredibly Close

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